Die Punkte 1. und 2. der Schwächen und Risiken treffen für den traditionellen Versandhandel weit weniger
zu als für den traditionellen Handel, da Geschäftsprozesse des Internet-Handels am ehesten an den Katalogversand
erinnern und Endkundenlogistik, Zahlungsabwicklung und Datenbanksysteme im Versandhandel bereits vorhanden sind.
Auch der Zahlungsvorgang stellt kein großes Problem dar, da üblicherweise auf Rechnung oder per Nachnahme bezahlt wird.
Eine Umstellung der Zahlungsweise auf Kreditkarte würde Versandhandelskunden eher zögern lassen, im Internet
Bestellungen aufzugeben.
Bei Push-/Pull-Strategien ist dagegen Umdenken notwendig. Ziel sollte sein, Anreize zu schaffen, um auch
ohne konkreten Bestellwunsch Informationen an die Kunden verteilen zu können und Nachfrage zu wecken.
Eine Möglichkeit hierfür sind Mailing-Listen, in die sich der Kunde einträgt, und über die er automatisch
per E-Mail die neuesten Informationen über Sonderangebote, Trends und Weiterentwicklungen des Marktes erhält.
Dies kann individualisiert geschehen, der Kunde sollte Themen und Schwerpunkte selbst bestimmen.
Die im Versandhandel besonders wichtige laufende Akquirierung von Neukunden mittels DirectMail-Aktionen
weist geringe Responsequoten im niederen Prozentbereich auf, dagegen können mit E-Mail Responsequoten im
zweistelligen Prozentbereich erzielt werden.
Zukunftsszenarien
Dem Versandhandel kommt in Deutschland wachsende Bedeutung zu. Der Umsatz des Versandhandels machte
in 1996 ca. 39 Milliarden DM oder 5,4 Prozent des Einzelhandels (ohne Kfz, Mineralöl und Apotheken) aus.
Es wird erwartet, dass der Marktanteil des Home-Shopping inklusive Online- und TV-Shopping von 9,1 Prozent
in 2000 auf 15,9 Prozent in 2010 steigen wird. Wenn Online-Shopping in 2010 dann 10 Prozent des
Einzelhandelsumsatz ausmacht (Expertenschätzung), würde dies bedeuten, dass ein Großteil des Wachstums
im Home-Shopping-Bereich auf Online-Shopping zurückzuführen wäre.
Worst-Case
Das Worst-Case-Szenario geht vom schlimmsten Fall aus, dass sich innerhalb kurzer Zeit progressive Retailer
wesentliche Marktanteile am Electronic Retailing sichern. Progressive Retailer sind traditionelle Händler mit
Online-Vertrieb, spezialisierte Nischenanbieter, Hersteller im Direktvertrieb, Internet-Provider wie AOL und
progressive, ausländische Versandhandel. Diese Anbieter werden den Online-Vertrieb zusätzlich zum angestammten
Vertrieb einsetzen, bis sie möglicherweise einen großen Anteil der Nachfrage bedienen. Ihre Umsätze werden
schnell beachtenswerte Dimensionen erreichen und somit zu Lasten der Marktanteile konservativer Händler gehen.
Best-Case
Das Best-Case-Szenario geht davon aus, dass sich der bisher traditionelle Handel selbst Electronic Retailing
zunutze macht und dadurch Kommunikation und Vertrieb auf neue Plattformen verschiebt mit dem Ziel höherer
Abschöpfung sowohl traditioneller, vor allem aber auch neuer Kundensegmente. Die erzielten Umsätze gingen wie im
Worst-Case zu Lasten des traditionellen Handels. Der traditionelle Versandhandel wird sich aufgrund seines
Know-how entlang der Wertschöpfungskette schnell anpassen und Online-Vertriebskanäle etablieren können, da sich
im Vergleich zum bisherigen Geschäftsmodell nur der Kommunikationskanal bzw. die Kommunikationsplattform ändert.
In diesem Fall wird der jetzt progressive Versandhandel einen signifikanten Anteil des Umsatzes im Electronic Retailing
übernehmen können.
Anforderungen an den traditionellen Versandhandel
Für den Versandhandel stellt das Internet einen idealen Vertriebskanal dar, da er auch ohne Internet als
Warenversender tätig ist und seine Produkte in der Regel per Katalog annonciert. Die Online-Bestellung ist hier
nur eine weitere Bestellform, deren Einbindung in die bereits bestehenden Systeme Kundenverwaltung, Lagerhaltung
und Bestellwesen sich mit relativ geringem Aufwand realisieren läßt. Dennoch sind einige Anforderungen zu erfüllen:
Anforderungen an eine E-Commerce-Applikation
- Professionelle Gestaltung, Präsentation und Benutzerführung sind wichtige Elemente eines Online-Shops.
- Eine funktionierende Hard- und Softwarelösung aus Commerce-Server und Warenkorbsystem
muss verschiedene Datenbanksysteme integrieren und schnell, flexibel sowie zuverlässig arbeiten.
- Kundendaten, Lagerhaltung, Bestellwesen, Zahlungsverkehr, Anbindung an die Datenbanksysteme
der Kreditkarteninstitute und andere externe Datenbanken sind konsistent zu halten.
- Der Datenfluss muss reibungslos und schnell erfolgen und darf auch bei starkem Besucherandrang
nicht an Performance verlieren.
- Die Sicherheit von Transaktionen ist für Kunde und Anbieter zu gewährleisten.
Die Gefahr, durch langsam ladende Web-Sites und mangelnde Benutzerführung Kunden zu verlieren, ist nach
Angaben der Boston Consulting Group groß. 28 Prozent der Shopper, die in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen
mit E-Commerce-Seiten machten, wollen nicht auf diese Seiten zurückkehren, 23 Prozent geben an, auf diesen
Seiten nicht mehr zu kaufen. Immerhin 6 Prozent wollen auch die offline-Verkaufsstellen (wenn vorhanden)
dieser Unternehmen nicht mehr aufsuchen. Im Durchschnitt möchten Shopper auf den Aufbau einer Seite nicht
länger als 13,2 Sekunden warten, in 5,8 Minuten sollte das Produkt zu finden und in 4,5 Minuten die Bestellung
komplett sein. Innerhalb von 6,4 Tagen sollte der Versand erfolgen.
Bezüglich der Sicherheit der Transaktionen ist die subjektive Einschätzung der Kunden entscheidend. Die subjektiv empfundene
Online-Sicherheit ist noch vor der Internet-Erfahrung der entscheidende Faktor für Einkäufe im Internet. Dies gilt
für Transaktionen wie auch für überlassene Daten. Eine gut funktionierende Sicherheitslösung birgt weitere
Vorteile für den Anbieter: Bei der Abwicklung können Sicherheitsprüfungen wie Kreditwürdigkeit,
Einträge in schwarze Listen, Solvenz und Zahlungsmoral der Kunden durchgeführt werden.
Anforderungen an den Online-Anbieter
- Konzeption und Implementierung des gesamten Systems vom Commerce-Server bis zum Warenkorbsystem.
- Anbindung an die Logistik.
- Entwicklung und Realisierung internetadäquater Werbemaßnahmen.
Anforderungen an den Internet-Auftritt
- Professionelle und fehlerfreie Gestaltung des Webangebotes, um das Vertrauen potentieller
Kunden zu gewinnen sowie einfache, leicht zugängliche Navigation, um auch ungeübten Nutzern
Zugang zum Angebot zu ermöglichen.
- Ständige Aktualisierung des Angebots, da Aktualität im Internet stärker als in anderen Medien
verlangt wird.
- Konkurrenzfähige Preise; Vergleiche mit dem Wettbewerb sind im Internet schnell möglich.
- Sichere Transaktionsabwicklung, die nach außen dokumentiert wird.
- Bestellverfolgung und Darstellung des Bestellstatus, um dem Kunden den Bestellvorgang
transparent zu machen.
- Ausschöpfung aller Möglichkeiten zur Intensivierung des Kundenkontaktes, z.B. durch
Speicherung von Benutzerprofilen (Cookies) oder Datenbank-Marketing.
- Bereitstellung von Informationen über das eigentliche Angebot hinaus, z.B. durch Links zu
anderen Seiten oder den Aufbau von Communities.
Empfehlungen
Machen Sie es Ihren Kunden leicht!
Ihren Kunden muss es leichtgemacht werden Online-Shopping anzuwenden. Hierzu gehört die intuitive
Bedienbarkeit der Angebote im Internet ebenso wie kurze Lade- und Bildaufbauzeiten sowie einfache Lösungen
zur Dialogführung.
Präsentieren Sie Ihr gesamtes Angebot online!
Ihren Kunden soll im Internet das gesamte Angebot nähergebracht werden. Einschränkungen sind gleichbedeutend
mit dem Druck und Versand einer größeren Anzahl teurer Kataloge.
Präsentieren Sie aktuelle Angebote!
Die Aktualität des Internet sollte in Form von speziellen Tagesangeboten oder Preisreduzierungen genutzt werden.
Dabei muss gewährleistet sein, dass Katalog- und Online-Besteller für den gleichen Artikel abhängig vom Bestellzeitpunkt
immer den gleichen Preis bezahlen, oder es muss kommuniziert werden, warum z.B. im Internet andere Preise gelten
als im Katalog.
Bieten Sie persönlich an!
Online-Medien erlauben ein viel stärker personalisiertes Angebot (one-to-one) als ein Katalog. Durch Anlegen von
Nutzerprofilen kann auf Grundlage des bisherigen Navigations- und Kaufverhaltens dem Kunden ein in hohem Maße
individualisiertes Angebot gemacht werden.
Seien Sie transparent!
Angebote des Unternehmens an die Kunden müssen für diese so weit wie möglich verständlich, durchschaubar und die
einzelnen Schritte logisch und vertrauenerweckend nachvollziehbar sein. Die Herausforderung liegt darin, das
umfangreiche Angebot eines Versandhauses sinnvoll und übersichtlich darzustellen. Dies stellt besondere
Anforderungen an die Navigation und die Darstellungslogik im Angebot.
Nutzen Sie die Geschwindigkeit des Internet!
Ein echter Kundenvorteil des Online-Shopping ist die Geschwindigkeit, mit der das Angebot aktualisiert und der
Bestellvorgang ausgelöst werden kann. Der Versandhandel muss intern durch entsprechende Prozesse dafür sorgen,
dass dieser Zeitvorteil auch genutzt wird und die Auslieferung schnell vor sich geht.