Internet-Marktplätze und
Portale: Hype oder Erfolgsrezept
Das Jahr 2000 war das Jahr der Internet-Markplätze und -portale.
Sie schossen wie Pilze aus dem Boden. Die neuen Akteure der Internet-Wirtschaft
schienen traditionelle Geschäftsmodelle der klassischen "Old
Economy" auf den Kopf zu stellen und drastisch zu verändern.
In vielen klassischen Industriezweigen sind Internet-Marktplätze
entstanden. Etablierte Unternehmen dieser Branchen sehen sich nun mit
einer Reihe von strategischen Fragestellungen konfrontiert:
- Was steckt tatsächlich
hinter den Internet-Marktplätzen?
- Welche Auswirkungen werden
die Marktplätze auf das eigene Geschäft haben?
- Welche Stärken und Schwächen
haben die Internet-Marktplätze?
- Werden sich Internet-Marktplätze
überhaupt durchsetzen können?
Wenn ja, welche Marktplätze werden sich durchsetzen?
- Wie kann eine sinnvolle Zusammenarbeit
mit diesen Marktplätzen aussehen?
Geschäftsidee
der Online-Marktplätze / Portale
In der Theorie
wirkt die Geschäftsidee der Marktplätze bestechend: Ein Online-Marktplatz
bzw. Portal ist eine Internet-Plattform, die den Teilnehmern ermöglicht,
ihre Geschäfte effizienter abzuwickeln. Die Internet-Technologie
schafft die Voraussetzungen für einen direkten und einfachen Zugang
zu einem grenzüberschreitenden Netzwerk von Einkäufern und
Anbietern.
Besonders Ein- und Verkäufern erschließen sich mit dem Internet
neue und effizientere Kommunikations- und Verhandlungswege, die ihnen
Zeit und Geld einsparen. Die Teilnehmer am Online-Handel erlangen entscheidende
Wettbewerbsvorteile gegenüber den Unternehmen, die ihre Geschäfte
auf traditionelle Weise abwickeln.
Angesichts der prinzipiellen Funktionsbreite und des Marktpotenzials
ist es nicht überraschend, dass sich Anbieter jeglicher Couleur
berufen fühlen, ihre Produkte mit dem Etikett "Portal"
oder "Online-Marktplatz" zu schmücken. Der Fokus liegt
dabei je nach Anbieter wahlweise primär auf der elektronischen
Abwicklung von Geschäftsprozessen (incl. Integration von ERP-Software
oder Warenwirtschaftssystem), dem Informationsmanagement, dem Wissensmanagement,
dem Workflow-Management und vielem anderem mehr. Eine genaue Definition
gibt es nicht.
Unter den Portalen trifft WEBAGENCY folgende praxisorientierte Einteilung:
- Informations-Portale
und Knowledge-Portale
Diese Portale gehören in den Bereich der Informationslogistik.
Sie liefern jedem nach Bedarf alle Informationen, die er zu Entscheidungen
benötigt. Sie ermöglichen den einfachen und unkomplizierten
Austausch von Wissen und Informationen.
- Transaktions-Portale
Die transaktionsorientierten Portale ermöglichen die Abwicklung
von Bestellungen und sonstigen Geschäftstransaktionen wie Ausschreibungen
etc.
- Collaborative
Portale
Dieser Portal-Typ unterstützt die abteilungs- und/oder firmenübergreifende
Zusammenarbeit von Teams durch Bereitstellung einer entsprechenden
Kommunikationsinfrastruktur.
Stärken
der Online-Marktplätze / Portale
Breite
Informationsbasis für alle Marktteilnehmer
Ein Vorteil der Portale liegt aus Kundensicht in der großen Transparenz,
die sie für einige Branchen bringen können. Dies trifft auf
die meisten Industrie-, Dienstleistungs- und Handelsbranchen zu. Noch
nie war es so einfach wie im Internet-Zeitalter, Informationen zu Anbietern
und deren Leistungsangeboten zu recherchieren.
Immer häufiger
wird das Internet von Unternehmen (und auch privaten Kunden) in der
Pre-Sales-Phase genutzt, um für Kaufentscheidungen relevante Informationen
und Kriterien zu recherchieren. Es gilt heute als gesicherte Erkenntnis,
dass Kunden in ihren Kaufentscheidungen massiv von Informationen aus
dem Internet beeinflußt werden. Informationsportale spielen in
diesem Kontext eine bedeutende Rolle.
Vereinfachte
Kommunikation
Auch bei der Abwicklung
von geschäftlichen Transaktionen hat sich das Internet als Kommunikationsplattform
etabliert. Der elektronische Austausch von Informationen hat die Abwicklung
von Geschäften ganz klar beschleunigt. Die Bedeutung von Collaborativen
Portalen wird in diesem Zusammenhang stark zunehmen.
Optimierter
Datenaustausch zwischen Unternehmen
Eine starke Position
von Portalen kann zu einer Vereinheitlichung von Schnittstellen Datenformaten
in einer Branche führen. In der Baubranche ist beispielsweise die
Heinze GmbH, ein Tochterunternehmen von BertelsmannSpringer, dabei,
die Artikel-Stammdaten unterschiedlicher Lieferanten der Bauindustrie
zu vereinheitlichen und dem Bauhandel zur Verfügung zu stellen.
Wenn diese Initiative erfolgreich ist, dann die vereinheitlichte Datenbasis
zu erheblichen Effizienzsteigerungen im Austauch von Daten zwischen
Unternehmen führen. Die Einführung von e-cl@ss zur standardisierten
Produktklassifikation und die Einführung von normierten Schnittstellenformaten
wie BMEcat oder ETIM zielen ebenfalls in diese Richtung.
Probleme
und Schwächen der Online-Marktplätze / Portale
Fehlende
wirtschaftliche Basis
In der Praxis sind
Marktplätze und Portale jeglicher Couleur auch kritisch zu betrachten:
Viele Marktplätze verfügen in der Realität über
kein tragfähiges Geschäftsmodell. Sie erzielen nicht die Umsätze,
die sie zum Überleben brauchen, und sind unprofitabel. Gleichzeitig
tickt die Kostenuhr erbarmungslos. Wegen der anhaltenden Schwäche
der Kapitalmärkte bleibt der Zustrom frischen Kapitals von Investoren
aus. Es droht die Pleite. Im günstigsten Fall findet die Übernahme
durch einen Wettbewerber statt, der noch Geld in der Kasse hat. Oder
es kommt ein Käufer aus der Old Economy, der sich einen Internet-Startup
einverleibt.
Zu
viele Anbieter und fehlende Alleinstellungsmerkmale
Viele Portale und Marktplätze
haben vom Start weg mit einem Problem zu kämpfen: Fatalerweise
sind zu viele Portale, die den gleichen Markt bedienen wollen, zur gleichen
Zeit auf dieselbe Idee gekommen - dadurch fällt der "First
Mover Advantage" weg. Die Mehrzahl der Marktplätze besitzt
nach unserer Einschätzung kaum Alleinstellungsmerkmale, mit denen
sie sich von der Konkurrenz abheben können.
Und auch das wichtigste Argument der Portale und Marktplätze, nämlich
für Transparenz zu sorgen, hat sich bisher nicht umsetzen lassen:
Es gibt zu viele Anbieter. Dies reicht von Portalen, die die ganze Branchen
bedienen wollen bis hin zu spezialisierten Angeboten. Das macht es für
die Nutzer nicht einfacher, sondern unübersichtlicher.
Fehlende
Attraktivität durch falsche Fokussierung
Die meisten Portale
und Online-Marktplätze besitzen eine weitere strategische Schwäche:
Sie sind als "Transaktionsmaschinen" konzipiert. Sie bieten
nur wenig mehr als die Möglichkeit, Bestellungen für Güter
oder Dienstleistungen abzugeben. Ihnen fehlen attraktive Inhalte, die
einen zusätzlichen Mehrwert bieten. Dies ist eine gravierende Schwäche
vieler Online-Marktplätze. In den seltensten Fällen findet
der Kunde dort Beratung, tiefgehende Betreuung und Zusatzservice. Diese
Internetplattformen sind nur für Käufer konzipiert, die 100%ig
genau wissen, was sie wollen. Alle anderen Kunden werden förmlich
im Regen stehengelassen.
Wegen dieser strategischen Schwäche werden die meisten Marktplätze
von vielen Kunden als nicht gut genug angenommen. Die Beinahe-Pleite
von letsbuyit.com unterstreicht diesen Trend. Deshalb ist es aus unserer
Sicht fraglich, ob es den Marktplatzanbietern gelingen wird, eine ausreichende
Zahl von Kunden an ihre Plattform zu binden. Und letztlich ist eine
gewisse Anzahl von Kunden mit einem entsprechenden Transaktionsvolumen
erforderlich, um einen Internetmarktplatz wirtschaftlich zu betreiben.
Fazit
Prinzipiell sind Online-Marktplätze
nicht tot, aber es werden nur sehr wenige erfolgreich sein. Erfolgversprechend
sind diejenigen Marktplätze, die nicht nur auf Transaktionen fokussieren,
sondern auch Beratungskompetenz bieten und Community-Elemente beinhalten.
Erfolgsfaktoren
und Trends
Erfolgreiches E-Business bedeutet
nichts anderes als die sinnvolle, ertragreiche Internet-Nutzung der
Internet-Technologie. Es ist kein Mysterium. Wir sehen vier wesentliche
Erfolgsfaktoren, die die Grundlage für eine erfolgreiche Marktplatz-Plattform
bilden.
- Content - attraktive
Inhalte,
- Bereitstellung
und Nutzung von normierten Artikelstammdaten,
- Zugang zu Lieferanten
und
- Zugang zu Händlern.
Nur wenn diese vier
Faktoren als Grundlage gegeben sind, wird sich eine solche Plattform am
Markt durchsetzen können.
Der Handel mit Produkten wird auf den elektronischen Marktplätzen
bald nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Statt dessen entstehen
neue Geschäftsmodelle, bei denen neuartige Services angeboten werden
und ein Mehrwert für Kunden und Anbieter im Vordergrund steht.
Momentan ist ein Trend
zu firmeneigenen Portalen mit obigen Eigenschaften festzustellen. Das
weltweite Marktvolumen für den Aufbau von Enterprise-Portal-Lösungen
wird bis zum Jahr 2002 schon knapp 15 Mrd. Dollar betragen. In der deutschen
Baubranche versucht z.B. die Profi Portal AG als Tochter der hagebau-Gruppe
und der E/D/E ein solches Portal auf die Beine zu stellen. Auch in anderem
Branchen etablieren sich große Portale von industriellen Anbietern.
So bietet beispielsweise die BASF ihren Kunden ein spezielles Bestellportal
mit erweiterten Servicefunktionen.
Gründe
für die Unwirtschaftlichkeit eines Portals
- Der Anspruch
der Vollständigkeit, den ein sinnvolles Plattformkonzept hat,
ist schwer durchzusetzen und teuer. Nur eine Fokussierung auf spezielle
Zielgruppen und/oder Themen könnte einen Ausweg aus diesem Dilemma
bieten.
- Der Markt kann
von wenigen Anbietern abgedeckt werden.
- Vielen Gründern
und Investoren fehlt Basis- und Branchenwissen; Entscheidungen werden
oft von der Euphorie des Internet-Hypes getragen.
- Ein wesentlicher
Faktor wird vernachlässigt: Der Aufbau von Know-how und die darauf
aufbauende Definition von E-Commerce-Strategien. Viele Markrplätze
/ Portale fokussieren zu sehr auf die Abwicklung von Transaktionen.
- "Reinen
Dot-coms fehlt der Stallgeruch und das Prozessverständnis für
die Branche in der sie sich bewegen."
Möglichkeiten,
ein Portal wirtschaftlich zu betreiben
- Das größte
E-Commerce-Potenzial sehen Experten derzeit in der Vereinfachung des
Prozesses bei Ausschreibungen. Dies erstreckt sich vom Aussender bis
zum Bewerber: Typischerweise muss z.B. ein Unternehmen in der Baubranche
rund 20 bis 25 Angebote abgeben, um einen Auftrag zu erhalten, dafür
bei 20 Subunternehmern nachfragen = pro Angebot 500 Aussendungen.
- Bisher hemmten
mangelnde Koordination der Geschäftsprozesse und Integration
der Daten, Anwendungen und Web-Inhalten die Unternehmen in der Umsetzung.
Portale versprechen hier Abhilfe.
- Wichtig ist,
dass man über die bloße Handelsplattform die Nutzer mit
qualitativen Inhalten binden kann. Das Informationsbedürfnis
in den Industriebranchen ist groß, gerade aufgrund der aktuellen
wirtschaftlichen Entwicklung. Das Internet hat sich als Informations-
und Diskussionsquelle nicht nur bei Einkäufern, sondern auch
auf Fachabteilungsebene längst etabliert.
Dieser Artikel stammt aus dem E-Commerce-Info-Dienst der WEBAGENCY
(http://www.webagency.de).
Die WEBAGENCY E-Commerce AG konzipiert und realisiert E-Commerce- und
E-Business-Lösungen für die Industrie, den Handel, die
Dienstleistungsbranche und die öffentliche Hand.
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