Mobile Commerce - Das neue Zauberwort?!?
Wie kein anderer Begriff beherrscht Mobile Commerce die Schlagzeilen der
letzten Monate. In diesem Artikel beleuchten wir die aktuelle Entwicklung und
stellen die Sichtweise der WEBAGENCY zu diesem Thema dar.
Mobile Commerce - Was steckt dahinter?
Ein Zauberwort, um die Milliardeninvestitionen der TK-Unternehmen zu rechtfertigen?
Ein neuer "Hype", um die abstürzenden Kurse der New Economy-Firmen wieder
mit Phantasie zu erfüllen?
Oder einfach nur ein weiterer Entwicklungsschritt auf dem Weg in die total digitalisierte Ökonomie?
Wie schon das Thema WAP durch WEBAGENCY zu Beginn des Jahres 2000 äußerst kritisch
beurteilt wurde, geht es auch beim Thema M-Commerce nicht darum, unreflektiert neue Trends
zu bejubeln. Statt dessen wollen wir vielmehr objektiv den Stand der Entwicklung und mögliche
Tendenzen aufzuzeigen.
Definition des Begriffs Mobile Commerce
Leider wird in den meisten Artikeln nie eindeutig erklärt, was eigentlich unter
Mobile Commerce verstanden wird. Um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen,
definiert WEBAGENCY den Ausdruck M-Commerce analog der Definition von
E-Commerce wie folgt:
"Mobile Commerce ist ein Konzept zur Nutzung von Informations- und
Kommunikationstechnologien zur mobilen Integration und Verzahnung
unterschiedlicher Wertschöpfungsketten oder unternehmensübergreifender
Geschäftsprozesse und zum Management von Geschäftsbeziehungen."
Riesiges Potential für M-Commerce in Europa
Optimisten sehen in der weiten Verbreitung des Mobiltelefons, vor allem in Europa,
ein großes Potential für M-Commerce.
Die Prognosen, welche Umsätze im Bereich M-Commerce künftig realisiert
werden, kann man, vorsichtig formuliert, als äußerst optimistisch bezeichnen.
Renommierte Marktforschungsinstitute wie Durlacher Research sprechen von einem
europäischen Marktvolumen von bis zu 50 Milliarden Dollar.
Auch die Ausgangssituation sieht sehr gut aus. Im Dezember 1999 gab es europaweit
über 160 Mio. Handynutzer. Verglichen mit den übrigens nur rund 70 Mio.
Menschen, die über Online-Zugang verfügen, ein riesiger Markt.
Ganz anders stellt sich die Situation in Nordamerika dar, wo der klassischer
Internetanschluß wesentlich verbreiteter ist als die Handynutzung
(140 Mio. vs. 85 Mio.).
Das bedeutet ein großes Potential in Europa, was die mobilen Anwendungen
angeht und ein riesiges Potential in USA, was die potentielle Nachfrage nach mobilen
Kommunikationsgeräten betrifft.
WAP hat gefloppt, Schuld daran ist die fehlende Infrastruktur
Nur, welche Anwendungen und Dienste fürs Mobiltelefon werden vom Benutzer überhaupt
angenommen? Das Beispiel WAP hat ja exemplarisch gezeigt, daß mobile Internetnutzung
kein Selbstläufer ist.
Zuerst gab es die Anwendungen, aber keine Endgeräte. Die weitverbreitete
Übersetzung des Kürzel WAP lautete entsprechend: "Where Are the
Phones?"
Dann folgte die Ernüchterung: Der Zugang ist quälend langsam, damit die
Kosten unverhältnismäßig hoch, die Inhalte bescheiden. Dennoch die weitverbreitete
Ansicht: WAP ist eigentlich klasse, aber die Infrastruktur leider nicht.
Die Milliardenversteigerung der UMTS-Lizenzen im letzten Jahr geben nun Anlass
für neue Euphorie. Wenn TK-Unternehmen unglaubliche Summen ausgeben, nur um
in einem bestimmten Land bestimmte Frequenzbereiche zu nutzen zu dürfen, dann
muß dies doch ein lukratives Geschäft werden.
Oder?
WEBAGENCY-Prognose:
UMTS-Netze werden frühestens 2003 den Betrieb aufnehmen. Allerdings
kann die "phantastische" Übertragungsrate von 2Mbit/s nur bei
stationären Geräten und auch nur im Endausbau der Netze, ohne Datenstau
erreicht werden, ein theoretischer Maximalwert also! Auf absehbare Zeit ist
auch die Entwicklung von 2MBit/s-Handys unwahrscheinlich.
Technische Grundlagen für mobilen Datenaustausch
Werfen wir einen Blick auf die wichtigsten aktuellen und künftigen Übertragungsstandards.
Grundlage für alle mobilen Anwendungen, die auf Internettechnologie beruhen, ist die
Verfügbarkeit von Bandbreite. Die Bandbreite beschreibt die Fähigkeit eines
Übertragungssystems, ein Spektrum von Frequenzen oder digitalen Signalen zu übertragen.
Die Bandbreite wird bei der digitalen Übertragung in bit/s angegeben. Einfache Faustregel:
Je höher die Bandbreite, desto schneller die Datenübertragung.
Hier werden kurz die wichtigsten Standards skizziert und deren Bedeutung für
die Praxis vorgestellt.
GSM - Global System for Mobile Communication
Übertragungsrate (Erläuterung): 9,6 KBits/s (zu langsam für richtige Online-Anwendungen, siehe WAP)
GSM ist der europäische Mobilfunk-Standard, der zur Sprach- und Datenübertragung (Fax, SMS) eingesetzt wird.
HCSD - High Speed Circuit Switched Data
Übertragungsrate (Erläuterung): Es werden bis zu 8 GSM-Kanäle gebündelt => 76,8 Kbit/s
(Wird zur Zeit nur von E-Plus unterstützt)
Mobilfunk-Übertragungsstandard, bei dem mehrere GSM-Kanäle gebündelt werden,
um eine höhere Übertragungsgeschwindigkeit zu erzielen. Da hierzu enorme
Frequenzbandbreite in den Mobilfunknetzen notwendig ist, kommt HCSD
langfristig nicht als Alternative zu UMTS in Frage.
GPRS - Generated Packet Radio Service
Übertragungsrate (Erläuterung): max. 115,2 KBit/s
GPRS bietet paketweise Datenübertragung über das vorhandene GSM-Netz, Funktionsweise
ist ähnlich wie beim Internet-Protokoll IP. Dadurch werden die vorhandenen Ressourcen
der Mobilfunknetze besser genutzt.Das Handy ist immer aktiv am Netz - Motto: "Always on"
Anstatt der quälenden Einwahl ins Netz kann praktisch jederzeit das Postfach abgerufen
werden, es fallen nur dann Gebühren an, wenn auch Daten übertragen werden.
Bisher übliche Einwahl über Zugangsnummern entfällt, bezahlt werden
nur die aktiv übertragenen Daten bzw. für Zeit, in der man telefoniert. Die
Abrechnung kann direkt an das Datenvolumen gekoppelt werden. Volumen- statt zeitabhängige
Tarife sind bei GPRS möglich.
UMTS - Universal Mobile Telecommunications System
UMTS ist ein neuer, weltweit einheitlicher Standard für die dritte Handy-Generation.
Bisher konkurrieren der europäische Standard GSM und das amerikanischen CDMA-Verfahren.
Mit UMTS werden beide Protokolle ersetzt. Der neue Standard erlaubt theoretische
Übertragungsraten (Erläuterung) von max. 2Mbit/s, so daß auch Internet-Anwendungen
über das Handy möglich sein werden.
Sprache und Daten werden automatisch erkannt, d.h. UMTS kann sowohl leitungsvermittelt (Erläuterung)
mit festgeschalteter Netzverbindung(Sprache, Video), als auch paketvermittelt (Erläuterung) (Internet)
operieren.
Welche konkreten Beispiele für M-Commerce gibt es bereits?
Als Meilenstein des Mobile Commerce ist derzeit das Bezahlen per Handy in aller
Munde. Die Firma Paybox bietet diesen Service bereits in rund 300 Taxen in Frankfurt an.
Wie funktioniert Paybox?
Der Taxifahrer ruft bei der Firma Paybox an, gibt die Mobilfunknummer seines Kunden
an und fordert den Betrag an. Die Firma Paybox wiederum ruft den Kunden an, wiederholt
den Zahlungsempfänger, dieser bestätigt die Transaktion durch Eingabe
einer PIN. Das Geld wird per Lastschrift vom Konto des Kunden durch Paybox eingezogen
und an den Taxifahrer weitergeleitet.
Welcher Mehrwert entsteht für den Nutzer?
Welchen Mehrwert bietet dieses Verfahren, im Vergleich zum Bezahlen mit Kreditkarten,
was ebenfalls bei rund 300 Taxen in Frankfurt möglich ist?
Welcher Mehrwert entsteht, wenn die Mobilfunknetze im Ballungsraum Frankfurt wieder
einmal überlastet sind und der Taxifahrer ungeduldig auf Ihre Bestätigung
wartet?
Ein kritischer Ausblick
Einsatzmöglichkeiten und Potenzial von M-Commerce
Handys sind aufgrund des Formats nicht praktikabel, um komplexe, mit vielen Eingaben
versehenen Anwendungen zu tätigen.
"Handys sind zum Telefonieren da.", wie ein Außendienstler zu sagen pflegt.
Interessanter sind mobile Dienste für den Bereich PDA (Personal Digital Assistant).
Diese Geräte (z.B. Palm, Psion) haben größere Bildschirme, arbeiten mit
größere Tastaturen bzw. Eingabestiften und eignen sich daher schon eher
für komplexere Anwendungen.
Welche Anwendungen wünscht sich denn der Nutzer der mobilen Endgeräte?
Dennoch stellt sich ja grundsätzlich die Frage, welche Anwendungen und Dienste
der User überhaupt nutzen möchte. Dies setzt natürlich voraus,
dass ein Unternehmen seine Kunden und deren Bedürfnisse auch genau kennt. Hier
ist man bei der gleichen Fragestellung angekommen, die viele Unternehmen bereits heute
beim Thema E-Commerce beschäftigt.
Es scheint klar zu sein, daß Anwendungen, die zeitkritisch sind, wie
Verkehrsmeldungen, Börseninformationen und Reservierungsfunktionen und Buchungen
interessant für den mobilen Nutzer sind. Es kann jedoch nicht die richtige
Strategie sein, alle Prozesse, die bisher offline abgewickelt wurden, unreflektiert
auf mobile Nutzung zu trimmen.
Das gleiche Dilemma haben heute bereits viele Anbieter von Diensten im Bereich
E-Commerce. Aus diesen Erfahrungen sollte man eigentlich lernen.
Ein Blick über den großen Teich
In den USA ist der stationäre Internetanschluß wesentlich weiter verbreitet,
als mobile Endgeräte. Hier besteht also ein großes Wachstumspotential. Entscheidend
wird sein, welche Anwendungen tatsächlich den kritischen Nutzer überzeugen werden.
Fast entsteht der Eindruch, als sähen die Amerikaner den europäischen Markt als
Pilotmarkt für das Thema Mobile Commerce (und lehnen sich entspannt zurück,
um die Fehler der Europäer zu analysieren).
Vielleicht hat man im Land der traditionellen Mobilität aber auch einfach ein
besseres Gespür, welche Geschäftsmodelle sich für den mobilen Einsatz
eignen und welche nicht?
Klar, daß sich die Unternehmen wie Nokia, Ericsson, Siemens und Motorola das
Thema Mobile Commerce auf ihre Fahnen schreiben, und promoten. Verspricht doch
die Versorgung mit neuen High-Tec-Endgeräten, die auf große Bandbreiten
ausgerichtet sind, ein hohes Geschäftspotential.
Unser Fazit:
Lernen Sie Ihre Kunden kennen, analysieren Sie genau deren Bedürfnisse und
machen sich erst dann Gedanken, welche dieser Bedürfnisse über mobile
Endgeräte befriedigt werden können.
|